21.11.2012

Namen nach System: Die Geschichte der Straßennamen in Mümmelmannsberg

Kunst ist in Mümmelmannsberg ein zentrales Thema. Die Vielzahl an aktiven Künstlergruppen, die großen XXL-Plakate an den Hochhausfassaden und der Skulpturenhof sind nur einige Hinweise darauf.

Michael Ostendorf, seit 2004 Pastor in Mümmelmannsberg und selbst begeisterter Künstler, verfasste anlässlich seiner Ausstellung in der Saga GWG Geschäftsstelle im Jahr 2007 einen Text, der sich mit der Namensgebung der Mümmelmannsberger Straßen auseinandersetzt:

Die äußere Struktur der Straßen hat einen inneren Hintergrund. Der- oder diejenige, der sich diese Benennung ausgedacht hat, wollte etwas Hintergründiges mitteilen. Er oder sie hat die expressionistischen Gruppen in Mümmelmannsberg abgebildet. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr verstand ich die Zusammenhänge. Ja, selbst die Form und der Abstand der Straßen zueinander spiegeln die Beziehungen der Künstlerinnen und Künstler wieder.

Da sind die Künstlergruppen

• Brücke
• Bauhaus
• Blauer Reiter
• und Blauen Vier (zumindest ¾ davon)

In allen Gruppierungen war Kandinsky aktiv. Er, der als Begründer des Expressionismus, sogar der Modernen Kunst gilt. Die Kandinskyallee ist diese verbindende und charakteristisch große Straße im Mümmelmannsberg. Dem sind alle anderen Straßennamen der Künstlergruppen und Einzelpersonen zugeordnet.

Dir Brücke mit Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein.
Das Bauhaus mit Lyonel Feininger, Johannes Itten, Paul Klee und Oskar Schlemmer.
Der Blaue Reiter mit Franz Marc, Gabriele Münter sowie zeitweise Paul Klee und August Macke.
Die Blaue Vier mit Lyonel Feiniger und Paul Klee.

Auch die Künstler, die keiner dieser Gruppen angehörten, standen in einem bestimmten Verhältnis, das sich auch wieder in der Mümmelmannsberger Straßenanordnung wiederspiegelt. So nimmt Gustav Klimt in diesem Zusammenhang eher eine Randposition ein. Er war ein wichtiger Bestandteil der Wiener Sezession, zu der maßgeblich auch Max Klinger gehörte. Dieser wiederum beeinflusste in ihrer frühen Zeit Käthe Kollwitz.

In diesem Zusammenhang ist auch Edvard Munch zu nennen, dessen Nähe zu Kollwitz auch innerlich wahrnehmbar ist. Seine Darstellungen innerer Abgründe und Ängste, wie beispielsweise "Der Schrei", den er 1902 mit der Berliner Sezession ausgestellt hatte, haben nachhaltigen Einfluss auf die Expressionisten gehabt.

Für Mümmelmannsberger Verhältnisse nimmt sie, Käthe Kollwitz, eine Sonderposition ein, da nach ihr der einzige Ring benannt wurde. Auch das eine bewusste Benennung, die die so genannte innere Emigration von Käthe Kollwitz während der Nazidiktatur darstellt und ihre tiefsinnige, traurige und in sich selbst kreisende Persönlichkeit zeigt. Diese Zeit war für viele Künstler gravierend, da die Nazis sie als entartet bewerteten und beschimpften. Als eindrückliches Beispiel mag hier Wilhelm Lehmbruck gelten, der in unserer Straßenanordnung eine Nähe zur Blauen Vier aufweist, mit der er über die Freundschaft zu Alexej von Jawlenski Verbindung hatte.

Ein kleiner Hinweis zum Blauen Reiter sei mir an dieser Stelle noch erlaubt. In unserer Straßenanordnung dieser Gruppe nimmt August Macke eine Randposition ein. Vielleicht deshalb, weil er sich nicht so weit in die Abstraktion begeben hat wie beispielsweise Kandinsky. Ansonsten ist die Gruppe von Wassily Kandinsky und Gabriele Münter umrahmt, weil beide eine enge persönliche und intime Beziehung verbunden hat und für diesen Kreis große Bedeutung hatte.